Was ist geerdete Spiritualität?
Glastonbury ist ein bedeutendes spirituelles Zentrum im Südwesten Englands und wird seit dem Mittelalter mit dem legendären Avalon in Verbindung gebracht. Diese Assoziation entstand im 12. Jahrhundert, als Mönche der Glastonbury Abbey angaben, das Grab von König Artus und seiner Frau Guinevere gefunden zu haben. Bis heute zieht der Ort zahlreiche Pilger und spirituelle Suchende an, die sich mit diesem besonderen Kraftort verbinden möchten.
Auch ich reiste über viele Monate hinweg in regelmäßigen Abständen nach Glastonbury, da ich dort eine spirituelle Ausbildung absolvierte. In Glastonbury gibt es die rote und die weiße Quelle, zwei Heilquellen, aus denen viele Menschen trinken, um sich mit den Energien des Ortes zu verbinden.
Während meiner Besuche trank ich häufig aus der roten Quelle, die ihren Namen dem eisenhaltigen Wasser verdankt und symbolisch für das Lebensblut der Göttin steht. Dabei fiel mir auf, dass das Wasser unterschiedlich stark schmeckte. Ich wunderte mich wie es sein konnte und erzählte dies einer Bekannten, welche auch oft nach Glastonbury reiste. Sie meinte, dass ich am Anfang meiner Reise wohl noch nicht an die Energien Avalons gewöhnt war und die Quelle deshalb stärker schmeckte. Nun da ich gänzlich angekommen war, würde sich dies dadurch zeigen, dass die Quelle weniger intensiv schmeckte!
Ich muss sagen das war eine wunderschön klingende Erklärung, ich war also vollkommen integriert in die Magie Avalons! Für einen Moment zögerte ich, ob ich dies nicht einfach so annehmen sollte, schließlich ist das Leben nüchtern genug und wir sehnen uns doch alle nach ein bisschen Filmromantik! Es war mir dann aber doch zu ab-gehoben, also ließ ich das Ganze erst einmal auf sich ruhen.
Einige Monate später stellte ich dieselbe Frage einer sehr spirituellen, aber auch geerdeten Frau. Ihre Antwort war: „Wahrscheinlich hat es damit zu tun, wie viel es geregnet hat und wie sehr das Quellwasser dadurch verdünnt wurde!“ Bäng! Realität lass nach! Ich muss sagen, so ein bisschen Magie hätte sie mir schon lassen können!
Als ich später dann für einige Zeit in Glastonbury lebte, fiel mir auf, wie verbreitet gerade in spirituellen Kreisen dieses magische Denken ist. Oft hatte ich den Eindruck, dass selbst über die banalsten Dinge beinahe zwanghaft eine magische Bedeutung gestülpt wird.
So gibt es zum Beispiel in der Glastonbury Abbey einen See, an dem viele Vögel leben. Dort ist es völlig normal, dass zahlreiche Federn auf dem Boden liegen, doch für viele ist das sofort ein Omen oder Zeichen der geistigen Welt! Doch niemand käme auf die Idee, dieses magische Denken auf unser Badezimmer anzuwenden, wo es ebenso ganz normal ist, dass wir tagtäglich Haare verlieren und jedem Haar eine Bedeutung zuzuschreiben, nur weil es zufällig auf dem Waschbecken liegt.
Ein anderes ganz witziges Erlebnis aus Glastonbury, das so typisch für diesen Ort ist, hat mir diese ungeerdete Spiritualität nochmals auf wunderbare Weise vor Augen geführt. Die rote Quelle entspringt im kostenpflichtigen Chalice Well Garden und damit die Menschen kostenlos Zugang zum Wasser der roten Quelle haben, hat man durch die Außenmauer des Gartens ein Rohr nach draußen gelegt, sodass man sich das Wasser jederzeit abfüllen kann.
Eines Tages tauchte ein Facebook-Post eines jungen Mannes aus der Glastonbury-Gemeinschaft auf. Herzzerreißend schrieb er, die rote Quelle, die noch nie versiegt war, sei nun versiegt, ein erschütterndes Zeichen dafür, dass die heilige Weiblichkeit erneut unterdrückt werde. Eine Botschaft wie gemacht für Glastonbury. Sein Beitrag wurde in Windeseile geteilt.
Unter dem Post entstanden lange Kommentarspalten, in denen ausgiebig darüber philosophiert wurde, was die Ursache für das Versiegen des Wassers sein könnte. Von astrologischen Konstellationen über die letzte Sonnenfinsternis bis hin zu einem Glitch in der Matrix oder sogar Aliens war alles mit dabei.
Als ich all diese ausgefallenen Theorien las, fragte ich mich als Erstes, ob sich jemand die Mühe gemacht hatte, in den Chalice Well Garden zu gehen, um nachzusehen, ob die Quelle dort wirklich versiegt war und falls ja, ob jemand mit den Mitarbeitenden des Gartens gesprochen hatte, was ein möglicher Grund sein könnte. Denn der Facebook-Post bezog sich lediglich darauf, dass aus dem Rohr kein Wasser mehr kam, was der junge Mann so interpretierte, dass die gesamte Quelle versiegt sei. Dabei ist dieses Rohr lediglich die Verlängerung der Quelle nach draußen.
Mein zweiter Gedanke war, ob es nicht einfach sein könnte, dass das Rohr durch Blätter, Nadeln oder Schmutz verstopft war, schließlich war Herbst. Als ich diesen Hinweis in den Kommentaren teilte, bekam ich prompt die typischen, leicht belächelnden Reaktionen. Ich hätte keine Ahnung von den höheren Mysterien des Lebens und solle ruhig bei meiner nüchternen Realität bleiben.
Natürlich war die Quelle nicht versiegt. Sie plätscherte im Garten weiterhin munter vor sich hin. Wahrscheinlich war ein verstopftes Rohr der Grund, und nachdem es vermutlich jemand vom Gartenteam gereinigt hatte, floss das Wasser wieder.
Fazit
Geerdete Spiritualität ist für mich eine Spiritualität, die nahe an der Realität gelebt wird. Sie beginnt damit, zuerst nach dem naheliegendsten Grund zu suchen. Finden wir dort keine Antwort, prüfen wir, ob psychologische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Erst wenn all das ausgeschlossen ist, wenden wir uns der metaphysischen Ebene zu.
Wenn wir zum Beispiel regelmäßig Bauchschmerzen haben, gehen wir nicht sofort davon aus, dass unser Ex-Partner eine Voodoo-Puppe gebastelt und mit einer Nadel in unsere Magengegend gestochen hat. Wir schauen zuerst nach dem Offensichtlichen. Habe ich etwas Verdorbenes gegessen? Was sagt der Arzt? Wenn medizinisch alles in Ordnung ist, fragen wir uns, ob psychosomatische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Treten die Schmerzen immer Sonntagabend auf, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass uns der Gedanke an den kommenden Montag buchstäblich auf den Magen schlägt. Erst wenn all das ausgeschlossen ist, bleibt Raum für exotischere Überlegungen.
Geerdete Spiritualität bedeutet nicht, die Magie aus dem Leben zu verbannen. Wir dürfen träumen und an Wunder glauben, solange wir nicht vergessen, zwischendurch zu prüfen, ob das Problem vielleicht einfach nur an einem verstopften Rohr liegt.
